— ZANT.AT — Buchrezension: Atari – Kunst und Design der Videospiele

Text: Daniel Zant

Atari – fünf Buchstaben, die bei so manchem Jüngling der 80er Jahre die Augen zum Strahlen brachten. Das lag wohl an mehreren Gründen, vor allem aber verstand es das Unternehmen Atari zur VCS-Zeit wie kaum ein anderes, ein Gesamtprodukt interessant zu gestalten. Und man war definitiv zur richtigen Zeit am richtigen Ort für die richtigen Entscheidungen. Mitunter sind grundlegende Dinge dafür verantwortlich gewesen, dass man damals den Telespiel-Stein so ins Rollen brachte, dass er zu einem Milliarden-Business wuchs. Und einer dieser Gründe ist unter anderem, sein Produkt gewinnbringend an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Ein Produkt optisch in Szene zu setzen ist auf jeden Fall ein Weg davon. Und genau hier kommen wir nun auf das Buch ATARI – Kunst und Design der Videospiele zu sprechen.

Bevor wir uns mit dem Inhalt beschäftigen: Dieses Buch wurde im englischen Original von Tim Lapetino geschrieben und nun von Winnie Forster und Stephan Freundorfer liebevoll ins Deutsche übersetzt und um einige Bereiche erweitert. So finden sich z. B. chronologische Auflistungen der VCS-Spiele, sodass auch Leser der englischen Variante ruhig einen Blick hinein wagen können. Seit Dezember 2018 kann man dieses Buch beim Fachhändler des Vertrauens beziehen und es ist, so viel sei an dieser Stelle bereits erwähnt, seinen Preis von EUR 39,80 auf jeden Fall wert. Die hochwertige Verarbeitung des 28,5 × 24,9 × 2,5 cm großen und 352 Seiten starken Buchs wird sofort beim ersten Blick ersichtlich – der Inhalt steht dem in nichts nach.

Was erwartet den Leser dieses Buches? Wie eingangs erwähnt, verstand es Atari damals, seine Produkte optisch optimal in Szene zu setzen, und um nichts anderes geht es hier. Star des Werkes sind entsprechend die teils seitenfüllenden Artworks von Spielepackungen, Skizzen und Konzeptzeichnungen mit dezenten Anmerkungen seitens des Autors. Die Pixelgrafiken der Spiele selber rücken weitgehend in den Hintergrund. Und hier wird auch die Chance wahrgenommen, die Künstler hinter diesen Werken ins Rampenlicht zu holen. Wer also noch nie etwas von einem George Opperman oder Cliff Spohn gehört hat: kein Grund zur Sorge, es handelt sich zum großen Teil um Leute, die wohl in der Telespielgeschichte bisher – zu Unrecht – wenig bis gar keine Beachtung fanden. Beim Lesen stellt sich heraus, dass jeder Künstler eine eigene Philosophie mitbringt. Das merkt man beim Betrachten der jeweiligen Werke dieser faszinierenden Persönlichkeiten – jeder hat seinen individuellen Stil. Und doch gibt es in seiner Gesamtheit eine spezifische  Stimmung, die auf jeden Fall gut den Geist der Telespiel-Landschaft der späten 70er und gesamten 80er aufzeigt, welche ja durchaus auch Einfluss auf die generelle Popkultur hatte: Diese Personen im Hintergrund waren also sehr einflussreich für uns alle. Der Schwerpunkt dieses Buchs liegt auf den VCS-Spielen von Atari, Dritthersteller-Produkte bleiben außen vor. Ein klein wenig Firmengeschichte, Arcade-Cabinets, Endkundengeräte, Prototypen, Werbe-Illustrationen und weitere Kleinigkeiten runden das Buch gelungen ab. Durch die Erzählungen und Zitate der Künstler als Zeitzeugen bekommt man viele Informationen zugespielt, die so nirgends erwähnt werden und die auch ein stimmiges Gefühl der damaligen Zeit vermitteln; außerdem merkt man, wie wichtig die Arbeit der Illustratoren damals war. Ein kleines Manko lässt sich dem Buch ankreiden, wenn das auch Kritik auf hohem Niveau ist: Manchmal scheinen Linien der rückseitig befindlichen Illustrationen durch. Das soll allerdings nicht heißen, dass das Papier zu dünn sei. Im Gegenteil wurde genau die richtige Stärke gewählt, um ein hochwertiges Werk in den Händen zu halten, das aber nicht noch mehr – zu viel – Gewicht auf die Waage bringt, also genau die richtige Balance hat.

Bleibt die Frage: An wen soll sich dieses Buch richten? In erster Linie natürlich an Atari-Konsumenten der 80er Jahre, deren Fantasie damals durch die Illustrationen auf den Verpackungen beflügelt wurde – und die leider manchmal merken mussten, dass das Endprodukt auf dem TV-Schirm nicht annähernd so eindrucksvoll aussah. Aber auch Liebhaber ästhetischer 80er-Jahre-Layouts kommen auf ihre Kosten. Und eigentlich auch sonst jeder, der sich ein klein wenig mit klassischen Computerspielen identifizieren kann – RETURN-Leser sind also herzlich aufgefordert, einen Blick zu wagen. Das Buch fügt sich gut in die anderen Nachschlagewerke des Gameplan-Verlags ein, und wir sind gespannt auf das, was aus diesem Hause noch folgen wird.

ATARI – Kunst und Design der Videospiele

Erschienen: 12.12.2018
Umfang: 352 Seiten, farbig
Verlag: Gameplan
Bezugsquelle: gameplan.de
Preis: 39,80 Euro
ISBN-13: 978-3-00-058030-7

Der Autor

Winfried Forster
ist Computer- & Videospiel-Journalist & -Verleger, Gesellschafter des Fachzeitschriftenverlages Cybermedia GmbH (Maniac, Audiovision, Kabel & Sat) und Gründer des Buchverlags Gameplan. Geboren 21.3.1969 in Starnberg, lebt, arbeitet und spielt er am oberbayrischen Ammersee.

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