— ZANT.AT — Review: Evercade

Text: Daniel Zant

2020 ist ein Jahr der etwas anderen Art: Die Corona-Pandemie hat die Welt fest im Griff, videospielbezogene Veranstaltungen finden daher nur online statt – und dann kommt auch noch Hersteller Blaze mit dem Evercade-Handheld um die Ecke. „Wie?“, fragen Sie nun: „Was soll an einem Handheld außergewöhnlich sein?“ Nun, Evercade ist das komplette Gegenteil von allem, was man die letzten Jahre im Bereich interaktive Unterhaltung vorgesetzt bekommen hat – ein Konzept, das besser ins Jahr 1990 als 2020 passen würde.

Bei manch einem unserer Leser mögen nun beim Namen Blaze die Alarmglocken läuten. Ist das nicht jenes Unternehmen, das sich mit Mini-Arcade-Automaten und Atari-Handhelds einen wenig schmeichelhaften Ruf erarbeitet hat? Ja, das schon – aber dieses Mal scheint Blaze aus Fehlern der Vergangenheit gelernt und seine Hausaufgaben gemacht zu haben.

Was erwartet den geneigten Evercade-Besitzer in spe? Der Handheld wird mit extra dafür geschaffenen Cartridges gefüttert – kein Online-Schnickschnack, keine herunterladbaren Inhalte und auch sonst keine Bequemlichkeiten, welche die Generation Smartphone auszeichnet. Hier wird die Nostalgie mit einem Hang zur Haptik vor dem Spielgenuss angesprochen. Das heißt: System und Spiele-Cartridge aus der Packung nehmen, das Modul im Slot versenken und Spaß haben, wie früher eben.

Wie fühlt es sich an? Die harten Fakten.

Und wenn wir schon beim Thema Feeling sind: Die Hardware ist solide verarbeitet und von den Maßen her einer PSP nicht unähnlich. Ein 4,3-Zoll-Bildschirm – mit einer Auflösung von 480 × 272 Bildpunkten – ist hübsch unter einer Plexiglas-Schicht eingearbeitet und wirkt passend, wobei vielleicht die eine oder andere Helligkeitsstufe mehr durchaus sinnvoll gewesen wäre. Außerdem liegt der Handheld gut in der Hand, obwohl die Ergonomie nicht mit einem modernen Pad mithalten kann – typisch Handheld eben! Das Steuerkreuz – bei anderen Geräten schon mal ein K.O.-Kriterium – sieht unbequemer aus, als es tatsächlich ist: Mit einem klassischen Nintendo-Steuerkreuz kann es zwar nicht mithalten, ist aber auch meilenweit von so mancher Xbox-Katastrophe entfernt – hier ist „solide“ das passende Schlagwort. Die vier Aktionsknöpfe haben einen guten Druckpunkt und fühlen sich nicht unangenehm an, allerdings kann das Layout Kopfschmerzen verursachen, wenn der A-Button in einem SNES-Spiel Nintendo-typisch wieder an anderer Stelle sitzt als bei allen anderen Herstellern. Die zwei Schultertasten wirken nicht ganz perfekt – wenn man sich den Preis vor Augen hält, ist das durchaus verschmerzbar –, dennoch funktionieren sie gut, nur der Druckpunkt ist vielleicht doch etwas zu empfindlich. Dazu gesellen sich ein Menü-Knopf, ein Einschalte-Schieberegler und Lautstärketasten, die ebenfalls ihre Arbeit solide verrichten.

Hinzu kommen eine 3,5-mm-Buchse für Kopfhörer und ein Micro-USB-Anschluss zum Aufladen des Akkus, welcher für eine Betriebsdauer von drei bis fünf Stunden ausgelegt ist – auch hier ist alles im soweit gewohnten Rahmen. Außerdem wurde dem Evercade ein miniHDMI-Port spendiert, über welchen der Handheld mit einem entsprechenden Kabel – welches nicht im Lieferumfang enthalten ist – an ein Display angeschlossen werden kann. Doch bevor jetzt falsche Erwartungen aufkommen: Spieler, die von Nintendos Switch verwöhnt sind, müssen hier leider umdenken, denn ein Wechsel von Mobil- auf TV-Screen bzw. umgekehrt ist zwar jederzeit möglich, allerdings bootet dann das System von Neuem – so als ob es sich hier um zwei unterschiedliche Systeme handle. Im schlimmsten Fall ist damit der aktuelle, nicht gespeicherte Spielfortschritt dahin. Abgesehen davon wird das Signal in scharfen 720p ausgegeben, was der Pixeldarstellung mehr als gerecht wird. Während der Testsession sind keine unschönen Effekte – wie auch schon am kleinen Screen – oder gar Lags bei Controllereingaben aufgefallen, mehr kann man wahrlich nicht verlangen. Der Sound kommt ebenfalls authentisch und unverzerrt rüber, das rundet das Gesamtpaket stimmig ab.

Die Cartridges werden – wie bei den meisten Handhelds üblich – oben zentral an der Rückseite des Geräts in einen Schacht gesteckt. Mit einem eingesteckten Modul wirkt vor allem die weiße Variante des Evercade wie aus einem Guss, auch wenn das Plastik auf der Rückseite im Vergleich zur Optik der Vorderseite billig wirkt. Hier hat der Designer die beste Arbeit im möglichen Rahmen geleistet. Neben all dem Lob, das wir hier ausschütten, muss allerdings eine Sache kritisiert werden: Wo ist der Erweiterungsport für einen zweiten Controller? Denn die Spiele, die einen Zweispielermodus bieten, wurden 1:1 vom Original-ROM übernommen – doch ohne die Möglichkeit, einen zweiten Controller anzuschließen, ist das herzlich nutzlos! Wir sind gespannt, ob hier Hersteller Blaze mit einem Hardware-Add-on oder anderweitig noch nachträglich Abhilfe schaffen wird.

Doch genug von der „harten Ware“, wie sieht denn das Spiel-Erlebnis als solches aus? Nachdem der Powerschalter betätigt wurde und der Startbildschirm seine Schuldigkeit getan hat, findet sich der geneigte Evercade-Besitzer direkt im spartanischen Menü der jeweiligen Cartridge wieder und kann von dort aus das Spiel seiner Wahl starten. Bei Druck auf den Menü-Button eröffnet sich ein optionsarmes Menü, wo sich mehrere Spielstände für das ausgewählte Spiel speichern bzw. laden lassen, oder aber das Seitenverhältnis angepasst werden kann. Dabei hat der Spieler die Wahl zwischen zwei Optionen: 4:3 (genau richtig) und 16:9 (fast sinnlos), aber weitere optische Retro-Effekte (Scanlines, Röhren-TV-Wölbung etc.) lassen sich nicht zuschalten – das haben andere Retro-Systeme schon deutlich besser hinbekommen.

Software sells Hardware

Doch was nutzen all die Argumente für ein System wie Evercade, wenn die dazugehörigen Spiele am Ende nichts taugen? Eben – nichts! Daher hat sich Blaze ordentlich mit Lizenzen eingedeckt: So kann der Hersteller pro Cartridge ansprechende Spielekompilationen aus der 8- und 16-Bit-Ära der 80er und 90er anbieten, kombiniert mit Neuentwicklungen für die klassischen Systeme aus jener Zeit. Das Spektrum reicht von einer Ansammlung von Atari-VCS-Spielen über Interplay-Sammlungen bis hin zu Megacat-Neuentwicklungen. Die Cartridges haben thematische Unterteilungen und beherbergen bis zu 20 Spiele. Und das zu einem Preis von unter 20 EUR pro Cartridge – das ist mehr als fair, auch in der Hinsicht, dass die Anschaffung des Grundgeräts kein Riesenloch in den Geldbeutel reißt. Natürlich gehört es fast schon zum guten Ton, dass wohl in jeder (kompletten) Spielesammlung und damit Cartridge auch die ein oder andere Software-Gurke a la Drakkhen oder Clayfighter dabei sein muss. Solche Rohrkrepierer kann man aus historischen und/oder nostalgischen Gründen verzeihen. Jedoch gibt es ein anderes, großes Manko, das bei der Zusammenstellung der Spielesammlungen etwas verstörend wirkt, und das muss man Blaze leider ankreiden: Bedenkt man, welche Mühe sich der Hersteller mit den Mega-Drive-ähnlichen Spieleverpackungen gemacht hat und dass jeder Cartridge ein liebevolles Booklet mit kompakten Erklärungen zu den jeweiligen Spielen beiliegt, dann erscheint es wie blanker Hohn, dass von den angepriesenen Spielen kein einziges in seiner Arcade-Variante auf die Platinen gebannt wurde! Und das, obwohl das Wort Arcade offensichtlich in der Produktbezeichnung des Grundgeräts spielerisch verarbeitet wurde – wobei hier scheinbar 2021 noch nachgebessert wird. Zudem wurde von den zur Auswahl stehenden Titeln nicht immer die beste Umsetzung gewählt. Ein Beispiel: Da erwartet der Tester ein sauber konvertiertes Dragon Ninja und bekommt stattdessen die NES-Variante mit ihren Stop-Motion-Animationen serviert – wenn das mal nicht ernüchternd ist. Heimcomputerspiele-Liebhaber werden außerdem feststellen, dass es „nur“ Konsolenports der genannten Spiele gibt. Um etwaigen Enttäuschungen vorzubeugen, haben wir daher alle aktuell verfügbaren Module mit ihren Spielen aufgelistet.

Eine Empfehlung?

Trotz alledem ist das Evercade ein System, das mit seinen positiven Seiten zu glänzen weiß – und das man wirklich ins Herz schließen kann, wenn man sich darauf einlässt. Bedenkt man zudem, wieviel Spaß man für den gebotenen Preis bekommt und wie einfach die eigene Spielesammlung sich damit weiter vervollständigen lässt, überwiegt definitiv die Habenseite. -dz

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