— ZANT.AT — Durchgezappt XL – Tennis

Text: Steffen Anton, Hardy Heßdörfer, Tim Löffler, Kai Lunkeit, Martin Nagel, Michael Wandet und Daniel Zant

Es war der 7. Juli 1985, als am ehrwürdigen Centre Court des Wimbledon Championships, dem traditionsreichsten Tennisturniers der Welt, Boris Becker mit nur 17 Jahren zum jüngsten Turniersieger aller Zeiten gekrönt wurde und von da an Deutschland – gemeinsam mit Steffi Graf – für die darauf folgenden Jahre in Tennis-Euphorie versetzte. Diesem Tag gedenken wir, indem wir Ihnen hier die interessantesten Tennis-Spiele für klassische Systeme vorstellen.

Der Kader: Wir vom RETURN-Magazin haben für dieses halbrunde Jubiläum ein starkes Profiteam von Redakteuren und Gastautoren zusammengestellt, das mit seinen Erfahrungen bezüglich Tennis-Spielen locker den Davis-Cup erringen könnte: Steffen Anton, Hardy Heßdörfer, Tim Löffler, Kai Lunkeit, Martin Nagel, Michael Wendt und Daniel Zant.

Great Courts
Great Courts
Great Courts
Great Courts 2
Great Courts 2

Great Courts (1989, Ubi Soft) – AMIGA, AMSTRAD CPC, ATARI ST, LYNX, ZX SPECTRUM, DOS, COMMODORE 64, SNES
und
Great Courts 2 (1989, Ubi Soft) – AMIGA, ATARI ST

Great Courts macht von Beginn an vieles richtig: Es gibt Rasen- und Sandplätze, die Spieleranimationen gefallen, und auch die Steuerung geht voll in Ordnung. Dazu kommt eine sinnvoll gewählte Kameraperspektive wie im Fernsehen – was für damalige Tennisspiele keine Selbstverständlichkeit war. Doch es ist die Fortsetzung, die bis heute unterhalten kann: Great Courts 2, erschienen 1991 für Amiga und Atari ST. Sie bügelte alle Schwächen des Vorgängers aus und war schlicht ein großartiges, spaßiges Spiel, das leicht zu lernen, aber schwer zu meistern ist. Der Spielablauf war schneller als im Vorgänger, die Gegner-KI intelligenter, und das Spiel bot Optionen ohne Ende. Bevor es auf den Court geht, darf man wie bei einem Rollenspiel Skill-Punkte verteilen, etwa für die Vor- und Rückhand, Kondition oder auch den Aufschlag. So kann sich jeder Spielertyp seine eigene Präferenz zusammenbasteln. Bis zu vier menschliche Spieler dürfen vor dem Rechner Platz nehmen. Wer lieber ein bisschen trainieren möchte, kann das mit der Ballwurfmaschine machen. Deren Ablaufprogramm lässt sich sogar programmieren, so dass man entweder gezielt Rückhand, Volley oder anderes trainiert, oder eine gemischte Sequenz ausführt. Die Steuerung ist so gelungen, dass man jederzeit das Gefühl hat, den Ball mit Tempo und Spin genau so kontrollieren zu können, wie man es möchte. Während sich die Augen an der Grafik ergötzen, dringen gelungene Soundeffekte ins Spielerohr: Ballaufpraller klingen je nach Untergrund anders und die schmissige Titelmelodie hat auch heute noch Ohrwurmqualitäten!

Wimbledon II (1993, Sega) – SEGA MASTER SYSTEM

Über einen Mangel an Sportspielen konnten sich Besitzer von Segas 8-Bit-Konsole nie beklagen. Ob Eishockey, Leichtathletik, Golf oder Fußball: Jede dieser Disziplinen wurde mit mindestens einer Versoftung bedacht. Tennis bildet hier keine Ausnahme: Sowohl Super Tennis (1985) als auch Wimbledon (1992) ließen den Spieler den ehrwürdigen (Rasen-)Sport vor dem heimischen TV-Gerät ausüben. Letzteres Spiel bekam im darauffolgenden Jahr eine Fortsetzung, welche als beste Version dieser Disziplin auf dem Master System gilt. Neben einem Einzelmatch kann auch eine komplette Tour absolviert werden, die aus den bekannten Grand-Slam-Turnieren besteht. Grafik und Sound sind für Master-System-Verhältnisse zweckmäßig, die Spielbarkeit ist jedoch herausragend. Hektische Ballwechsel und dramatische Hechtsprünge Marke „Boris Becker“ sind an der Tagesordnung. Wenn ein Spieler zudem zu viel gelaufen ist, geht ihm die Puste aus und er wird langsamer. Vor allem zu zweit macht das Modul auch heute noch einen Heidenspaß.

International Tennis Open (1992, Pathé) – MS-DOS, MACINTOSH, CD-I

Der französischen Firma Infogrames haben wir dieses Spiel aus dem Jahr 1992 zu verdanken. Für PC-Gamer glich es einer wahren Offenbarung, denn bis dato sah es mit Tennissimulationen für die DOSe eher mau aus. Zudem ist der Multimedia-Faktor des Spiels – zumindest für damalige Verhältnisse – nicht zu unterschätzen: Neben digitalisierten Spielern gibt es mehr oder weniger gelungene Musik und per Sprachausgabe einen Kommentator der Spielstände zu hören. Das war für den Anfang der 1990er Jahre beileibe kein schlechtes Paket, aus heutiger Sicht jedoch kann einem die Präsentation allenfalls ein müdes Lächeln entlocken. Was das Gameplay anbelangt, so wurde häufig der viel zu einfache Schwierigkeitsgrad kritisiert. Es gilt, drei große Turniere zu absolvieren oder sich in einem Freundschaftsspiel zu messen. Die Version für das CD-i von Philips gilt vielen als die beste, was sicherlich an der noch einmal etwas hübscheren Grafik sowie den erweiterten Sprachkommentaren liegt.

Pocket Tennis (Color) (1998, SNK Corporation) – NEO GEO POCKET COLOR

Im Jahr 1998 erschien Pocket Tennis als Bestandteil des Launch-Line-Ups des Neo Geo Pocket. Es gliederte sich in die Pocket Sport Series ein, zu der unter anderem auch Pocket Baseball gehört. Sowohl Spiel als auch Konsole ordneten sich grafisch ähnlich wie der Game Boy Color ein, weswegen das Ganze niedlich gehalten wurde. Die Animationen und das Spielgefühl waren für ein Handheld-Spiel jedoch erstaunlich flüssig, was vor allem auch an dem Stick des Neo Geo Pocket lag. Dieser ermöglichte ziemlich präzise Manöver. Eine weitere Besonderheit war der Turniermodus, da jede einzelne Trophäe sichtbar in einem Schrank – innerhalb des Einstellungsmenüs – hinterlegt wurde. Der entscheidendste Aspekt war jedoch, dass nach jedem Spiel eine Zwischenspeicherung erfolgte, wodurch Pocket Tennis ideal für zwischendurch war. Durch den Markt-Druck des Game Boy Color war SNK allerdings gezwungen, ihren neuen Handheld nach bereits einem Jahr in Form des Neo Geo Pocket Color zu überarbeiten. Entsprechend wurde auch Pocket Tennis in einer „Color“-Variante neu veröffentlicht, mit zwei neuen – freischaltbaren – Charakteren und weiteren Tennisplätzen.

Tie Break (1990, Starbyte Software) – AMIGA, AMSTRAD CPC, ATARI ST, CDTV, C64, DOS, ZX SPECTRUM

Gespielt wird bei Tie Break aus der Top-Down-Perspektive; dadurch ist die Grafik sehr übersichtlich. Mittels Adapter, den man damals beim Hersteller bestellen konnte, ist es möglich, bis zu vier humane Kombattanten gleichzeitig vor dem Bildschirm zu versammeln. Besonders eigen ist die Steuerung: Die Figur läuft eigenständig, der Spieler muss sich nur für eine der Schlagvarianten entscheiden, was trotzdem manchmal arg in die Hosen gehen kann. Fetziger Intro-Sound, flüssige Bildwiedergabe und Sprachsamples runden das Gesamtpaket ab, auf das man sich einlassen muss – es gibt definitiv bessere Alternativen, um Bälle zu dreschen.

Wer beim Betrachten der Bilder unweigerlich meint, das Spiel unter einem anderen Namen zu kennen, darf sich bestätigt fühlen, da es weitere Releases als Adidas Tennis Championship und Adidas Championship Tie-Break gab.

Virtua Tennis (1999, Sega) – ARCADE, DREAMCAST, N-GAGE, WINDOWS

Im Jahr 1999 eroberte das – damals – fotorealistische Virtua Tennis die Spielhallen auf Segas Naomi-System, woraufhin es zur Jahrtausendwende auf die Dreamcast portiert wurde. Erstmals fühlten sich Spielabläufe realistisch an, was taktische Aktionen und Gegnermanöver in Echtzeit ermöglichte. Neu auf der Konsole war der Karrieremodus, der nicht nur die Techniken verinnerlichen ließ, sondern auch für die entsprechende Herausforderung sorgte: Beim Tennis ist jeder Schlag wie ein Schachzug, den der Gegenspieler übertrumpfen muss. Virtua Tennis gelang dieser Sprung und machte aus der Tennisformel ein – für die damalige Zeit – sehr flüssiges Spielerlebnis. Besonders bei guten Spielen fühlt es sich wie ein schnelles Schachspiel an, das auch heutzutage noch zu beeindrucken weiß.

Mario’s Tennis (1995, Nintendo) – VIRTUAL BOY

Sie mag nicht so bekannt sein wie die Zelda-Reihe oder Marios gewohnte Hüpfeinlagen, dennoch ist die Tennis-Serie auf Nintendo-Konsolen eine feste Größe. NES, SNES und Gameboy bekamen eigene, lizenzfreie Filzballschlägereien serviert, bis dann auf N64 die Mario-Tennis-Serie übernahm. So ist es nur logisch, dass auch Nintendos vierte Konsole einen eigenen Ableger bekam. Spielerisch wird solides, schnörkelloses und präzises Arcade-Tennis geboten. Jedoch hält sich der Wow-Effekt der dritten Dimension arg in Grenzen: Lediglich der Ball wird größer und kleiner, wenn er über das Netz geschlagen wird. Ein eher armseliger Effekt, der Nintendos Virtual-Reality-Verheißungen Mitte der Neunziger kaum zu tragen vermag. Wenn Sie vor Ihren Freunden mit den Wundern der neu entdeckten virtuellen Realität angeben wollen, dann sollten Sie lieber zu Teleroboxer oder Red Alarm greifen. Wollen Sie jedoch einfach nur Tennis spielen, dann bekommen Sie hier solide Durchschnittsware in Rot – Link-Modus und Nackenschmerzen inklusive.

Mario Tennis (2000, Nintendo) – NINTENDO 64

Dieser Titel dürfte wohl für die meisten Spieler den Erstkontakt mit dem Mario-Universum im Filzballbereich darstellen, ist er doch der zweite Eintrag in der Mario-Tennis-Spielreihe nach der Virtual-Boy-Ausgabe – und diese dürften aufgrund der geringen Hardwareverbreitung wohl nur die wenigsten gespielt haben. Und, wie schon beim Erstling genannt, gibt es wohl bessere Gründe, einen Virtual Boy anzuwerfen, als Mario’s Tennis. Aber gut, gehen wir auf die in vielerlei Hinsicht bessere Episode für das Nintendo 64 ein: 3D-Modelle, Sprachausgabe, Replays, Turniere sind auf der Habenseite. Im Grunde genommen ist es aber auch nur ein weiteres, solides Tennis-Spiel mit Mario-Figuren. Die weiteren Serienableger gingen getreu dem Motto „Größer, Schneller, Weiter“ auf allen Folgekonsolen an den Start. Manch ein Mario-Tennis-Folgetitel wurde eine kleine Enttäuschung, Mario Tennis für das Nintendo 64 allerdings ist durchaus immer ein Spiel wert.

Mario Tennis (2000, Nintendo) – GAME BOY COLOR

Dass sich das Mario-Universum und der Tennissport vertragen, wissen wir zu Genüge. Aber im Gegensatz zu seinen stationären Kollegen hat Mario Tennis für den Game Boy Color als Herzstück nicht bloß einen Turnier- und andere Modi, sondern bringt gleich auch einen Storymodus mit. Möchte man meinen, dass es hier um das typisches Nintendo-Geplänkel geht – a la „Wer ist der beste Spieler im Mario-Universum” –, ist es dann doch überraschend anders: Unser Protagonist könnte humanoider nicht sein und steht vor der Herausforderung, sich in einer Tennis-Akademie beweisen zu müssen. Man wandert also von Platz zu Platz, spricht mit Freunden, Gegnern und sonstigen Personen, darf etwas trainieren, gewinnt Tennis-Spiele, bis das Ziel – der beste Spieler der Akademie zu sein – erreicht wurde. Was das alles mit dem Mario-Universum zu tun hat, sollten Sie selbst herausfinden. Dieser Teil und sein scheinbar identischer Game-Boy-Advance-Nachfolger Mario Tennis: Power Tour sind die Anschaffung der beiden Handhelds durchaus wert. Und wer einen Storymodus in Mario-Tennis-Spielen auf modernen Systemen sucht: Der aktuelle Switch-Teil bietet ebenfalls einen solchen, kommt aber insgesamt nicht ganz so gut weg. Tennis-Sucht ist bei Mario Tennis für den Game Boy Color – und den GBA ebenfalls – durchaus garantiert.

Super Tennis (1992, Nintendo) – SNES

Filzballspielbegeisterte, die 1992 ein PAL-Super-Nintendo ihr Eigen nannten, kamen um diesen Titel nicht herum. Fiktive Frauen- und Herrentennisspieler ohne Nachnamen buhlen um die Gunst der Joystick-Akrobaten in drei verschiedenen Modi: Einzel, Doppel und dem Herzstück des Spiels, einem World-Circuit-Mode, in welchem man auf die typische Tennis-Tour gehen kann, um Ranglistenpunkte zu ergattern. Die Knöpfe des SNES-Controllers sind mit vier unterschiedlichen Grundschlägen voll belegt – das Spiel ist daher schnell verstanden, benötigt dann doch einige Einarbeitung, um es perfekt zu meistern und seinem Gegner punktgenau die Bälle um die Ohren zu hauen. Gespickt mit Mode7-Effekten vor dem Startbildschirm und während der Seitenwechsel kann man sich das auch als eher weniger Interessierter dieses Sports antun. Ein zweiter Roger Federer wird dadurch zwar nicht aus uns, aber hier steht klar der Spaß im Vordergrund!

Jimmy Connors Pro Tennis (1992, Ubi Soft) – SNES

Für Nintendos 16-Bitter sind neben dem bekannten Super Tennis noch diverse andere Vertreter des digitalen Schlagabtausches erschienen. Einer davon ist Jimmy Connors Pro Tennis Tour. Wer jetzt vermutet, hier viele Tennislegenden in klotziger Form zu erleben, der irrt. Abgesehen von dem namensgebenden Tennis-Ass tummeln sich nur fiktive Sportler auf dem virtuellen Court. In Puncto Umfang ist alles enthalten, was der Tennis-Fan sich wünscht – verschiedene Modi, Plätze und Turniere locken zu Spiel, Satz und Sieg. Der Kamerawinkel ist gut gewählt und erlaubt eine genaue Übersicht auf dem gerasterten Tennis-Court. Die Spielbarkeit übertrifft leider nie das Mittelmaß, da zähe Bewegungen und eine recht fragwürdige Kollisionsabfrage für Stirnrunzeln sorgen. Technisch wie spielerisch reicht es nicht an Super Tennis aus dem Hause Nintendo heran. Dennoch zählt die Jimmy-Connors-Lizenz zu den besseren Möglichkeiten, sich auf dem SNES das gelbe Filz zuzuspielen.

Tennis (1989, Nintendo) – GAME BOY

Neben den Klassikern Tetris und Super Mario Land zählte auch Tennis zu den Starttiteln des Game-Boy-Line-Ups. Und wie die Erstgenannten war es ein früher Referenztitel, enthielt er doch alles, was diesen Sport ausmacht: harte Volleys, gefühlvolle Lobs und spannende Zweispieler-Duelle per Link-Kabel– alles im typischen Grau/Grün-Ton von Nintendos Handheld. Zugegeben: Viel Umfang bot das Spiel nicht. Gerade mal die Anzahl der zu spielenden Sätze und den Schwierigkeitsgrad konnte man wählen, aber in seiner Simplizität wusste das Spiel zu brillieren: Die Matches waren schnell, spannend und ideal auf das Spielen unterwegs ausgerichtet. Auch heute noch ein durchaus lohnender Titel.

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